Jürgen Weigold

Anmerkungen zu  „Maria Stuart“

Historischer Hintergrund


Die Handlung des Dramas „Maria Stuart“ spielt in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Es war die Zeit der Monarchen als Herrscher. Die Übertragung der Herrschaft erfolgte durch Erbschaft, wobei zu klären war, wer der legitime Herrscher werden konnte. Hierzu waren Regeln zu beachten, die sich u.a. nach Geschlecht,  Reihenfolge der Geburt, Ehelichkeit richteten – ein oft sehr komplizierter Vorgang, dessen Ergebnis auch durch Krieg, Mord u.ä., also Gewaltanwendung, entschieden wurde.
Hier treten zwei Königinnen an, diese Legitimität der Nachfolge als Königin von England zu entscheiden.
1. Elisabeth, sie ist bereits Königin von England
2. Maria, vertriebene Königin von Schottland, hält sich auch für die legitime Königin von England.

Elisabeth ist eine Tochter Heinrichs VIII. und galt  als unehelich. Den Thronanspruch bekam sie später vom englischen Parlament zugesprochen. Vor ihr herrschten der Sohn Heinrichs VIII. und ihre ältere Stiefschwester Maria (genannt „bloody mary“). Ihr Leben war zeitweise bedroht.
Maria hat ein bewegtes Leben. Mit 17 heiratet sie als Königin von Schottland einen schottischen Adeligen, beteiligt sich an dessen Ermordung, was den schottischen Adel verärgert und sie zur Flucht nach England veranlasst. Dort erhält sie kein Asyl, sondern wird inhaftiert. Maria begründet ihren Anspruch auf die englische Krone, indem sie ihre Linie bis in die Zeit Heinrichs VII. zurückführt. Damit wird sie für Elisabeth gefährlich.

Im Zweifelsfall löst man – s.o. - das Problem durch Gewalt: Von zwei königlichen Köpfen wird nur einer an seinem Ort verbleiben.

        Fotos: Katrin Schander

Was übrig bleibt...

Maria Stuart wurde 44 Jahre alt.
Ihre Persönlichkeit und Schicksal wurden vielfach Gegenstand der Literatur, am berühmtesten davon das Drama Schillers.
Elisabeth erreichte das Alter von 69 Jahren.
Ihre Epoche ging als das „Goldene Zeitalter“ Englands in die Geschichte ein.
Sie starb unverheiratet und hinterließ keinen Nachwuchs.
Maria hinterließ einen Sohn von ihrem schottischen Ehemann. Dieser wurde als Jakob I. der  legitime Nachfolger Elisabeths als König von England.

Schiller und Maria Stuart

Schon um 1780 hatte Schiller sich für den Stoff interessiert, 20 Jahre später entstand das Schauspiel. Man könnte es als Teil einer Serie mit historischen Stücken bezeichnen, zu der z.B. auch „Wallenstein“ gehört.
„Freiheit“ war ein zentraler Begriff der Zeit, die sich in der Französischen Revolution realisieren sollte, die aber nach Meinung Schillers in der Entfesselung des Volkes und der Terrorherrschaft mündete. „Da werden Weiber zu Hyänen“ sagt er im berühmten Gedicht „Die Glocke“ und meint damit die Frauen, die sich bei der Guillotinierung von Regimefeinden vergnügten. Auch hier wurde eine Königin (Marie Antoinette) geköpft.

Schiller konfrontiert in seinem Drama die Kontrahentinnen Elisabeth und Maria auf gleicher Ebene
- zwei Königinnen - ,aber sie unterscheiden sich im Bereich der Freiheit:
Elisabeth ist „frei“, aber nicht unangefochten und fühlt sich bedroht. Um frei und herrschend zu bleiben, muss sie sich rational verhalten, nach außen wirkt sie dadurch kalt und emotionslos.
Maria ist nicht frei, ihre Emotionalität und erotische Ausstrahlung, mangelnde Rationalität haben sie schuldig werden lassen und um ihre Freiheit gebracht.
Die zentrale Szene der Begegnung der Königinnen legt die unüberbrückbaren Gegensätze offen:
sie verbinden Persönliches und Politisches, eine beide zufriedenstellende einvernehmliche Lösung ist ausgeschlossen.
Aber beide bezahlen ihren Preis, wollen sie ihre Freiheit zurückgewinnen:
Nach der Hinrichtung Marias verliert Elisabeth die Menschen, die ihr nicht nur aus rationalen Gründen nahe standen. Ihre Freiheit kann sie nur durch Reduktion auf Rationalität und Staatsraison erhalten.
Maria erhält ihre Freiheit, indem sie Elisabeth auf ihre – vor allem emotionalen - Defizite verweist. Diese von ihr empfundene „innere“ Freiheit ist allerdings zeitlich sehr begrenzt – Schiller stellt nur ihre drei letzten Tage dar – und sie bezahlt sie mit ihrem Leben.

Wie könnte die Problematik der Freiheit und des Umgangs des Menschen bei der Umsetzung nach Meinung Schillers gefördert werden?
Hier ist die Bildung des Menschen von zentraler Bedeutung, und zwar die „ästhetische“, künstlerische Bildung.

Die Realität ist grausam,
- z.B. die Einzelhinrichtung Marias oder in Serie durch die Guillotine
- z.B. die Reduktion einer Person auf Rationalität (Elisabeth) oder Emotionalität (Maria)

aber in der „Form“, der strengen Regelhaftigkeit z.B. des Schauspiels (5 Akte, zentrale Stelle in der Mitte des Stücks etc.) und der abgehobenen Sprache hebt sich der Mensch über die Realität hinaus,
er lernt, er wird durch Kunst „veredelt“.
So verändert kann/soll er auf die Realität einwirken und sie positiv verändern. Das Theater kann so zu einer „moralischen Anstalt“ werden.

Schiller stellt ein Konzept – hier stark verkürzt - vor. Dass dies sich so automatisch umsetzen ließe, ist daraus nicht zu schließen, so optimistisch war der Dichter nicht.

 

 

Niveauvolles Theater in Biedenkopf angekommen

Mit Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer" eröffnete der Kultur- und Veranstaltungsring die diesjährige Saison und verknüpfte damit auch die Hoffnung auf einen erfolgreichen Neustart des Versuchs, Theater auf angemessenem Niveau in Biedenkopf zu installieren. Dabei stellte die Auswahl dieses Stückes in der Inszenierung des Landestheaters Marburg durchaus ein Risiko dar, nicht hinsichtlich der Qualität des Stückes und der Inszenierung, sondern durch Verzicht auf die Wahl eines durch „Action" , viele DarstellerInnen, aufwendige Kostüme und andere „Publikumsmagneten" gekennzeichnete Aufführung. Der Applaus der Zuschauer am Ende der Aufführung ging weit über das der Höflichkeit geschuldete hinaus, niveauvolles Theater war in Biedenkopf wieder angekommen.

Als Thomas Bernhard dieses Stück Ende der 70er Jahre schrieb, war die Euphorie des Aufbruchs der „68er" weitgehend verpufft, die BRD veränderte sich in Reaktion auf den Extremismus der RAF, die ökonomisch-soziale Lage verabschiedete sich allmählich vom gewohnten Fortschritt etc.

Das Theater wandelte sich, „absurdes" Theater u.ä. bestimmte und verwandelte die Bühnen. In diese Tradition gehört Bernhards Stück: Der Weltverbesserer. Ein Unsympath, sitzt grantig auf der Bühne, gesundheitlich angeschlagen, abhängig von seiner Bediensteten, die er unterdrückt, die auf ihre Gestik reduziert erscheint, während er die Sprache okkupiert hat.

Auf der Höhe seines Ruhms als Philosoph erwartet ihn eine besondere Ehrung für sein zentrales Werk, weit verbreitet, aber – wenn überhaupt gelesen – dann nicht verstanden: Nur wenn die Menschheit sich abschafft, kann die Welt verbessert werden. Ein absurdes Untergangsszenario. Und hier, sei angemerkt, bekommt das Stück aktuelle Bezüge. Schwankend zwischen Komödie und Tragödie gelingt der Inszenierung die nötige Balance. Auf eine weitere Besprechung der Aufführung soll hier verzichtet werden. Hierzu ist auf die umfangreiche Rezension von Christian Röder im Hinterländer Anzeiger vom 14. November 2017 zu verweisen. Die große Leistung von Jürgen Helmut Keuchel in der Titelrolle und Insa Jebens als seine Bedienstete darf aber nicht unerwähnt bleiben; der starke Applaus war der Leistung angemessen. Jürgen Weigold