Anmerkungen zu  „Franz Kafka, Die Verwandlung“ von Jürgen Weigold

Anfang:
„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“
Ende:
„Und es war ihnen (Gregors Familie) wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten..., als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.“

So beginnt und endet Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“.
Der Autor war 1916 bei Veröffentlichung des Textes 33 Jahre alt, er starb 1924.
Geboren wurde er in Prag, der Hauptstadt des Königreichs Böhmen, das zum Kaiserreich Österreich - Ungarn gehörte. Hineingeboren wurde er in eine wohlhabende bürgerliche Kaufmannsfamilie, zeitgemäß vom Vater als uneingeschränktem Herrn dominiert.

Hier soll knapp der historisch-gesellschaftliche Hintergrund dargestellt werden, in den Franz Kafkas Text einzuordnen ist.
Als der Autor 1883 geboren wurde, war Österreich-Ungarn eine europäische Großmacht wie Großbritannien, Frankreich, Russland, Deutschland und herrschte über weite Teile des Ostens Europas und bis in den Balkan. Ungarn und Österreich teilten sich die Herrschaft über den Rest des Reiches. Die Monarchie aber war marode und innerlich gespalten, sie hatte ihre besten Zeiten hinter sich und versuchte, durch aggressives Verhalten die weltpolitische Position auszuweiten, was durch erhebliche Erfolglosigkeit gekennzeichnet war.  Als der Thronfolger ermordet wurde, führte dies u.a. zum 1. Weltkrieg. In dieser Zeit – 1916 - entstand die Erzählung „Die Verwandlung“.

Kafkas Sozialisierung war geprägt durch die Unterdrückung seiner Bedürfnisse durch den Vater, von dem er sich nie wirklich lösen konnte, die Unsicherheit und Unfähigkeit, Beziehungen zu Frauen aufzubauen und zu erhalten. Beruflich war er als promovierter Jurist in einer staatlichen Versicherung durchaus erfolgreich, auch seine jüdische Herkunft stand dem nicht im Wege. Sein früher Tod ist auf eine Lungenerkrankung zurückzuführen.

Franz Kafka gehörte zu den österreichischen Autoren, die die Labilität und Verunsicherung ihrer Epoche erkannten und literarisch verarbeiteten. Bei Kafka wird das u.a. dadurch deutlich, dass viele seiner Dichtungen fragmentarisch blieben, ein Ergebnis, eine Konfliktlösung also nicht vorgaben, Ursache und Wirkung nicht zueinander passen bzw. nicht nachvollziehbar sind.

Wieso z.B. verwandelt sich Gregor, ein junger Mann, in ein Insekt?
Seine ursprünglich wohlhabende Familie ist verarmt. Um ihren Status und Lebensstandard aufrecht zu erhalten, muss er seine Perspektive aufgeben und für den Lebensunterhalt der Familie sorgen. Er tut dies, ohne der Familie Vorwürfe zu machen. Der Vater als Versager wird von ihm als Autorität nicht in Frage gestellt, für die Schwester will er ein Musikstudium ermöglichen etc.
Seine Arbeit ist so stressig, dass er sie kaum mehr erträgt. In dieser Situation verwandelt er sich in ein Insekt. Als das Ungeziefer schließlich eingeht und auf dem Müll entsorgt wird, ist die Familie wie erlöst, die junge Tochter dehnt sich wie erlöst.

Am Anfang und Ende taucht jeweils der Begriff „Träume“ auf.  Am Anfang ist es ein Alptraum für den Träumer, er endet tödlich.
Am Ende ist es ein „neuer Traum“, positiv besetzt.
Wird auch er in einem Alptraum enden?
Sicherheiten, so es sie gab, bleiben sie Träume,
oder werden sie Realität?                                                                         

 

Anmerkungen zu  „Maria Stuart“ von Jürgen Weigold

Teil 1: Historischer Hintergrund

Die Handlung des Dramas „Maria Stuart“ spielt in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Es war die Zeit der Monarchen als Herrscher. Die Übertragung der Herrschaft erfolgte durch Erbschaft, wobei zu klären war, wer der legitime Herrscher werden konnte. Hierzu waren Regeln zu beachten, die sich u.a. nach Geschlecht,  Reihenfolge der Geburt, Ehelichkeit richteten – ein oft sehr komplizierter Vorgang, dessen Ergebnis auch durch Krieg, Mord u.ä., also Gewaltanwendung, entschieden wurde.
Hier treten zwei Königinnen an, diese Legitimität der Nachfolge als Königin von England zu entscheiden.
1. Elisabeth, sie ist bereits Königin von England
2. Maria, vertriebene Königin von Schottland, hält sich auch für die legitime Königin von England.

Elisabeth ist eine Tochter Heinrichs VIII. und galt  als unehelich. Den Thronanspruch bekam sie später vom englischen Parlament zugesprochen. Vor ihr herrschten der Sohn Heinrichs VIII. und ihre ältere Stiefschwester Maria (genannt „bloody mary“). Ihr Leben war zeitweise bedroht.
Maria hat ein bewegtes Leben. Mit 17 heiratet sie als Königin von Schottland einen schottischen Adeligen, beteiligt sich an dessen Ermordung, was den schottischen Adel verärgert und sie zur Flucht nach England veranlasst. Dort erhält sie kein Asyl, sondern wird inhaftiert. Maria begründet ihren Anspruch auf die englische Krone, indem sie ihre Linie bis in die Zeit Heinrichs VII. zurückführt. Damit wird sie für Elisabeth gefährlich.

Im Zweifelsfall löst man – s.o. - das Problem durch Gewalt: Von zwei königlichen Köpfen wird nur einer an seinem Ort verbleiben.

Was übrig bleibt...

Maria Stuart wurde 44 Jahre alt.
Ihre Persönlichkeit und Schicksal wurden vielfach Gegenstand der Literatur, am berühmtesten davon das Drama Schillers.
Elisabeth erreichte das Alter von 69 Jahren.
Ihre Epoche ging als das „Goldene Zeitalter“ Englands in die Geschichte ein.
Sie starb unverheiratet und hinterließ keinen Nachwuchs.
Maria hinterließ einen Sohn von ihrem schottischen Ehemann. Dieser wurde als Jakob I. der  legitime Nachfolger Elisabeths als König von England.

Teil 2: Schiller und Maria Stuart
Schon um 1780 hatte Schiller sich für den Stoff interessiert, 20 Jahre später entstand das Schauspiel. Man könnte es als Teil einer Serie mit historischen Stücken bezeichnen, zu der z.B. auch „Wallenstein“ gehört.
„Freiheit“ war ein zentraler Begriff der Zeit, die sich in der Französischen Revolution realisieren sollte, die aber nach Meinung Schillers in der Entfesselung des Volkes und der Terrorherrschaft mündete. „Da werden Weiber zu Hyänen“ sagt er im berühmten Gedicht „Die Glocke“ und meint damit die Frauen, die sich bei der Guillotinierung von Regimefeinden vergnügten. Auch hier wurde eine Königin (Marie Antoinette) geköpft.
Schiller konfrontiert in seinem Drama die Kontrahentinnen Elisabeth und Maria auf gleicher Ebene
- zwei Königinnen - ,aber sie unterscheiden sich im Bereich der Freiheit:
Elisabeth ist „frei“, aber nicht unangefochten und fühlt sich bedroht. Um frei und herrschend zu bleiben, muss sie sich rational verhalten, nach außen wirkt sie dadurch kalt und emotionslos.
Maria ist nicht frei, ihre Emotionalität und erotische Ausstrahlung, mangelnde Rationalität haben sie schuldig werden lassen und um ihre Freiheit gebracht.
Die zentrale Szene der Begegnung der Königinnen legt die unüberbrückbaren Gegensätze offen:
sie verbinden Persönliches und Politisches, eine beide zufriedenstellende einvernehmliche Lösung ist ausgeschlossen.
Aber beide bezahlen ihren Preis, wollen sie ihre Freiheit zurückgewinnen:
Nach der Hinrichtung Marias verliert Elisabeth die Menschen, die ihr nicht nur aus rationalen Gründen nahe standen. Ihre Freiheit kann sie nur durch Reduktion auf Rationalität und Staatsraison erhalten.
Maria erhält ihre Freiheit, indem sie Elisabeth auf ihre – vor allem emotionalen - Defizite verweist. Diese von ihr empfundene „innere“ Freiheit ist allerdings zeitlich sehr begrenzt – Schiller stellt nur ihre drei letzten Tage dar – und sie bezahlt sie mit ihrem Leben.
Wie könnte die Problematik der Freiheit und des Umgangs des Menschen bei der Umsetzung nach Meinung Schillers gefördert werden?
Hier ist die Bildung des Menschen von zentraler Bedeutung, und zwar die „ästhetische“, künstlerische Bildung.
Die Realität ist grausam,
- z.B. die Einzelhinrichtung Marias oder in Serie durch die Guillotine
- z.B. die Reduktion einer Person auf Rationalität (Elisabeth) oder Emotionalität (Maria)
aber in der „Form“, der strengen Regelhaftigkeit z.B. des Schauspiels (5 Akte, zentrale Stelle in der Mitte des Stücks etc.) und der abgehobenen Sprache hebt sich der Mensch über die Realität hinaus,
er lernt, er wird durch Kunst „veredelt“.
So verändert kann/soll er auf die Realität einwirken und sie positiv verändern. Das Theater kann so zu einer „moralischen Anstalt“ werden.
Schiller stellt ein Konzept – hier stark verkürzt - vor. Dass dies sich so automatisch umsetzen ließe, ist daraus nicht zu schließen, so optimistisch war der Dichter nicht.

 

Niveauvolles Theater in Biedenkopf angekommen

Mit Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer" eröffnete der Kultur- und Veranstaltungsring die diesjährige Saison und verknüpfte damit auch die Hoffnung auf einen erfolgreichen Neustart des Versuchs, Theater auf angemessenem Niveau in Biedenkopf zu installieren. Dabei stellte die Auswahl dieses Stückes in der Inszenierung des Landestheaters Marburg durchaus ein Risiko dar, nicht hinsichtlich der Qualität des Stückes und der Inszenierung, sondern durch Verzicht auf die Wahl eines durch „Action" , viele DarstellerInnen, aufwendige Kostüme und andere „Publikumsmagneten" gekennzeichnete Aufführung. Der Applaus der Zuschauer am Ende der Aufführung ging weit über das der Höflichkeit geschuldete hinaus, niveauvolles Theater war in Biedenkopf wieder angekommen.

Als Thomas Bernhard dieses Stück Ende der 70er Jahre schrieb, war die Euphorie des Aufbruchs der „68er" weitgehend verpufft, die BRD veränderte sich in Reaktion auf den Extremismus der RAF, die ökonomisch-soziale Lage verabschiedete sich allmählich vom gewohnten Fortschritt etc.

Das Theater wandelte sich, „absurdes" Theater u.ä. bestimmte und verwandelte die Bühnen. In diese Tradition gehört Bernhards Stück: Der Weltverbesserer. Ein Unsympath, sitzt grantig auf der Bühne, gesundheitlich angeschlagen, abhängig von seiner Bediensteten, die er unterdrückt, die auf ihre Gestik reduziert erscheint, während er die Sprache okkupiert hat.

Auf der Höhe seines Ruhms als Philosoph erwartet ihn eine besondere Ehrung für sein zentrales Werk, weit verbreitet, aber – wenn überhaupt gelesen – dann nicht verstanden: Nur wenn die Menschheit sich abschafft, kann die Welt verbessert werden. Ein absurdes Untergangsszenario. Und hier, sei angemerkt, bekommt das Stück aktuelle Bezüge. Schwankend zwischen Komödie und Tragödie gelingt der Inszenierung die nötige Balance. Auf eine weitere Besprechung der Aufführung soll hier verzichtet werden. Hierzu ist auf die umfangreiche Rezension von Christian Röder im Hinterländer Anzeiger vom 14. November 2017 zu verweisen. Die große Leistung von Jürgen Helmut Keuchel in der Titelrolle und Insa Jebens als seine Bedienstete darf aber nicht unerwähnt bleiben; der starke Applaus war der Leistung angemessen.

Jürgen Weigold