Der Hinterländer Anzeiger berichtet in der Ausgabe vom 29.1.2019:

Wenn Theater alle Sinne anspricht

              Von Christian Röder

BIEDENKOPF/MARBURG - War das nun ein Happy End oder das deprimierendste Ende aller Zeiten? Wenn das Publikum nur wenige Minuten nach dem Stück bereits so angeregt diskutiert, wie nach "Die Verwandlung" am Samstagabend in Biedenkopf, dann haben die Schauspieler alles richtig gemacht. Auf Einladung des Kultur- und Veranstaltungsrings Biedenkopf zeigte das Hessische Landestheater Marburg den Kafka-Klassiker unter der Regie von Brit Bartkowiak - obwohl das Wort "zeigte" es nicht ganz trifft. Das Team des Landestheaters macht den surrealen Trip des Gregor Samsa regelrecht körperlich spürbar und dadurch umso eindrücklicher, beklemmender und letztlich auch menschlicher. Das Ensemble liefert Theater für alle Sinne.

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Der weltberühmte erste Satz aus der 1912 entstandenen Erzählung von Franz Kafka fällt in der Bartkowiak-Interpreation des Stoffs erst nach gut einer halben Stunde. Dann wird er auch nicht einfach nur gesprochen. Er wird von den sechs Schauspielern, die alle gemeinsam den Protagonisten Gregor Samsa verkörpern, gesungen; begleitet von der sanften, doch unheilvoll erahnenden, Melodie eines Akkordeons.

Der Einstieg in "Die Verwandlung" könnte dennoch kaum wirkmächtiger sein: Da stehen, sitzen, liegen, knien, hocken und lehnen diese sechs Gregor Samsas, die ja eigentlicher einer sind, in einem scheinbar endlosen Raum und wiederholen nacheinander die eine, allesbestimmende Frage: "Was ist nur mit mir geschehen?"

Ja, was ist mit Gregor Samsa, diesem reisenden Tuchhändler geschehen? Eigentlich ist er ein strebsamer Angestellter. Ein vorbildlicher Arbeitnehmer; nie krank, immer pünktlich, absolut zuverlässig. Muss er auch sein, der Gregor Samsa, verlässt sich seine Familie, die finanziell von ihm anhängig ist, doch vollkommen auf ihn. Nur an diesem Morgen ist alles anders: Gregor Samsa kann nicht aufstehen und sich auch nur schwerlich bemerkbar machen. Das Sprechen fällt ihm schwer. Gregor Samsa hat sich verändert.

Die sechs Schauspieler Artur Molin, Saskia Boden-Dilling, Mechthild Grabner, Jorien Gradenwitz, Zenzi Huber und Stefan Piskorz sind alle Gregor Samsa. Sie sind die verschiedenen Facetten des Protagonisten, der lernen muss, mit seiner Verwandlung umzugehen. Zunächst ist da bei ihm dieser unbändige Wille, doch noch auf die Arbeit zu gehen. Spätestens als der Prokurist des Unternehmens zuhause auftaucht, macht sich jedoch blanke Panik breit. Und dann entscheidet sich Gregor Samsa, verändert wie er ist, sich seiner Umwelt zu zeigen ...

Beeindruckend ist, wie das Team des Landestheaters die Gefühlswelt des Gregor Samsa nahbar macht. Das Bühnenbild besteht eigentlich nur aus einigen milchigen Lamellen, die von der Decke baumeln. Durch geschickte Lichtsetzung, das Interagieren der Schauspieler mit jenen Lamellen und Videoprojektion werden die Besucher jedoch regelrecht in die surreale Situation hineingezogen. Wenn dann noch die vierte Wand durchbrochen wird, indem Mechthild Grabner fordert, das Saallicht einzuschalten oder sie winselnd und fragend durch die Reihen des Publikums läuft, haben die Akteure ihr Ziel erreicht: Der Zuschauer wird Teil des Stücks. Die Erfahrung, etwas zu erleben, was absolut nicht stimmt, wird körperlich spürbar. Das erfordert die Bereitschaft der Gäste, sich vollkommen auf das Stück einzulassen, mitzufühlen und auch mal zu leiden.

Besonders deutlich wird dies in den letzten beiden Drittel der "Verwandlung". Dann kommt alles zusammen: Aus einer Kakophonie von angeschlagenen Klaviertasten, Stimmengewirr, Zenzi Hubers liebevoller Stimme, einer Geige, eisigen Black-Metal-E-Gitarren-Riffs und tiefem Bassgrollen entwickelt sich eine Komposition. Auf der Bühne passiert plötzlich so viel: Dort erahnt man einen der Schauspieler hinter den Lamellen, dort schreit ein anderer. Kunstnebel wird dazwischen die gepustet. Per Live-Videoprojektion blickt einen plötzlich ein übergroßer Kopf entgegen ... Herausforderndes Theater für alle Sinne.

Bei allem bleibt der Kafka-Klassiker dabei hochaktuell. Es geht dem Team um Regisseurin Brit Bartkowiak darum zu zeigen, wie sich Menschen am Rande der Gesellschaft fühlen. Menschen, die meinen, dass sie anderen eine Last sind. Es geht um Alte, Schwache, Kranke, Behinderte. Menschen, die an ihren eigenen Ansprüchen oder denen der Leistungsgesellschaft zu zerbrechen drohen. Thema ist nicht etwa, wie es ist mit einem harten Chitin-Panzer aufzuwachen, sondern mit einem Burn-Out, einer Erschöpfungsdepression oder gefesselt an den Rollstuhl. "Bei Gregor Samsa ist der Körper außer Kraft gesetzt, doch sein Geist funktioniert", hatte Dramaturgin Christin Ihle in ihrer Einführung gesagt. Durch die Verwandlung werde eine "Spirale der Entfremdung in Gang gesetzt."

An deren Ende steht der Tod des Protagonistin. "Ich hätte an manchen Stellen weinen können", sagt eine Zuschauerin nach dem Stück im Publikumsgespräch mit den sechs Schauspielern ergriffen. Ein ander blickt sie fragend an. Seine Sichtweise ist eine andere: Er empfand den Schluss als erlösend für den verwandelten Tuchhändler und seine Familie. Die sechs Gregor Samsas blicken sich vielsagend und zufrieden an: Alles richtig gemacht!

 

o Vorbericht Backland News zu "Die Verwandlung"

o Vorbericht Backland News zu "Ich bin dann mal weg"

Eigene "Maria Stuart" für Biedenkopf

KULTUR  Landestheater plant besonderes Angebot für Aufführungen im Hinterland

Biedenkopf/Marburg Für ihre Gastspiele in Biedenkopf bieten die Intendantinnen des Hessischen Landestheaters ein besonderes Schmankerl an: In Publikumsgesprächen können die Zuschauer einen exklusiven Einblick in die Aufführungen erhalten.

Den Schauspielern auf den Zahn fühlen. Beim Regisseur nachbohren, warum jene Szene so inszeniert wurde. Oder vom Kostümdesigner erfahren, warum jenes Kleidungsstück so aussieht, wie es aussieht. Das ist im Rahmen der Publikumsgespräche prinzipiell möglich. „Wir werden versuchen, jeweils zwischen drei und sechs Beteiligte des Teams dabei zu haben“, sagt Carola Unser. Gemeinsam mit Eva Lange bildet sie die neue Doppelspitze des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM).

In Marburg sei dieses Angebot am Premierenwochenende bereits sehr gut angenommen worden. „Bis zu 50 Menschen waren bei den Publikumsgesprächen nach den Stücken noch dabei“, erinnert sich Eva Lange. „Interessante und gute Gespräche“ seien dabei herausgekommen. Den Kontakt mit dem Publikum suchen die Intendantinnen ganz bewusst. „Es ist die Art und Weise, wie wir Theater verstehen“, sagen sie. Der intellektuelle Austausch mit den Zuschauern gehöre einfach dazu.

Und so ist er natürlich auch bei den Gastspielen in Biedenkopf geplant. Gemeinsam mit dem Kultur- und Veranstaltungsring zeigt das HLTM vier Stücke im Bürgerhaus: „Maria Stuart“ (27. Oktober), „Ich bin dann mal weg“ (12. Dezember), „Die Verwandlung“ (26. Januar 2019) und „Cabaret“ (2. März 2019).

Im Anschluss an jede der Aufführungen sind die Gespräche mit Teilen des Theater-Teams fest eingeplant. Dieser besondere Service ist für die Intendantinnen auch mit einer logistischen Herausforderung verbunden, „dennoch wollen wir es machen“, betont Eva Lange. „Einfach, weil uns der Diskurs mit dem Publikum so wichtig ist“.

Zudem haben die beiden Intendantinnen bereits bei ihrer Vorstellung im Frühjahr gesagt, dass sie hochwertiges Theater auch in die Fläche transportieren und nicht nur in Marburg bündeln wollen. „Unser Traum ist, dass Sie am Ende sagen: ,Das Hessische Landestheater Marburg ist auch unser Theater.‘ Und: ,Dieses Ensemble sind auch unsere Schauspieler‘.“ So hat Carolin Unser den Ansatz bei der Mitgliederversammlung des Biedenkopfer Kultur- und Veranstaltungsrings im April zusammengefasst.

Die Biedenkopfer Aufführung von „Maria Stuart“ am 27. Oktober stellt Regisseurin Eva Lange zudem vor weitere Herausforderungen. Während das Stück in Marburg als Doppelaufführung namens „Maria Stuart / Ulrike Maria Stuart“ um einen Text von Elfriede Jelinek erweitert ist, gibt es nur in Biedenkopf die singuläre Schiller-Variante. „Das heißt, wir werden auch in Biedenkopf noch mal die eine oder andere Extraprobe einlegen“, sagt Eva Lange.

Das klassische Drama eignet sich ideal für Schulklassen; für diese gibt es auch Unterrichtsmaterial

Geht die Marburger Variante von „Maria Stuart“ über drei Stunden, wird die Fassung in Biedenkopf rund zwei Stunden und zehn Minuten dauern. Plus Publikumsgespräch und Einführung in das Stück durch die Dramaturgin Christin Ihle.

Dabei sei es gar nicht so einfach, die beiden Stücke – Schiller und Jelinek – wieder auseinanderzudividieren. „Wer die Marburger Aufführung gesehen hat, weiß, dass es einen fließenden Übergang der beiden Texte gibt, sie teilweise parallel stattfinden“, beschreibt die Regisseurin. Zudem stehe noch nicht zu 100 Prozent fest, wie das Ende in Biedenkopf aussieht. „Aber ich liebe es, Schlüsse zu inszenieren“, schwärmt Eva Lange. „Wahrscheinlich steht erst wenige Tage vor der Biedenkopfer Aufführung fest, wie es ausgeht.“

Für Schulklassen, für die sich Schillers „Maria Stuart“ als prototypisches klassisches Drama ideal eignet, bietet das HLTM Vor- und Nachbereitungen an, bei denen Inhalte, zentrale Themen und besondere Formen der Stücke unterrichtstauglich und spielpraktisch vermittelt werden. „Für schulrelevante Produktionen stellen wir Materialmappen zur Verfügung; mit Hintergrundwissen zu Stück, Autor und Inszenierung sowie mit theaterpädagogischen Übungen zur spielerischen Annäherung an das Stück“, ergänzt Lisa Hedler, Pressesprecherin des Landestheaters.

Und auch der Biedenkopfer Kultur- und Veranstaltungsring bietet für Schüler ein besonderes Angebot: Die letzten drei Reihen im Bürgerhaus ab Platz 338 bis 405 sind für Schüler und Studenten reserviert. Gegen Vorlage des Ausweises gibt es hierfür Karten zum Sonderpreis von 5 Euro. Dieses Angebot werde sehr gut angenommen, freut sich Gerhard Hesse, stellvertretender Vorsitzender des Kultur- und Veranstaltungsringes. Und auch die Zahl der Abonnenten steige momentan wieder. Des Weiteren gibt es Gruppenrabatte ab zehn Personen – diese gelten allerdings nicht für bereits ermäßigte Karten.

Alle Theaterveranstaltungen beginnen um 20 Uhr im großen Saal des Bürgerhauses in Biedenkopf. Der Vorverkauf für die einzelnen Veranstaltungen läuft seit Anfang Oktober.

 

Beiträge werden neu vorbereitet:

o  Vorbericht zu den Veranstaltungen des HLTM in der Theatersaison 2018/2019

o  Mitgliederversammlung KUVR

o  Info-Veranstaltung KUVR mit den designierten Intendantinnen vom HLTM

o  Hagen Rether im Spiegel der Presse

o  Hagen Rether am 22.3.2018 in Biedenkopf

o  Der eingebildete Kranke, Pressebericht im Hinterländer Anzeiger vom 2.2.2018