Der Hinterländer Anzeiger berichtet in der Ausgabe vom 29.1.2019:

Wenn Theater alle Sinne anspricht

              Von Christian Röder

BIEDENKOPF/MARBURG - War das nun ein Happy End oder das deprimierendste Ende aller Zeiten? Wenn das Publikum nur wenige Minuten nach dem Stück bereits so angeregt diskutiert, wie nach "Die Verwandlung" am Samstagabend in Biedenkopf, dann haben die Schauspieler alles richtig gemacht. Auf Einladung des Kultur- und Veranstaltungsrings Biedenkopf zeigte das Hessische Landestheater Marburg den Kafka-Klassiker unter der Regie von Brit Bartkowiak - obwohl das Wort "zeigte" es nicht ganz trifft. Das Team des Landestheaters macht den surrealen Trip des Gregor Samsa regelrecht körperlich spürbar und dadurch umso eindrücklicher, beklemmender und letztlich auch menschlicher. Das Ensemble liefert Theater für alle Sinne.

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Der weltberühmte erste Satz aus der 1912 entstandenen Erzählung von Franz Kafka fällt in der Bartkowiak-Interpreation des Stoffs erst nach gut einer halben Stunde. Dann wird er auch nicht einfach nur gesprochen. Er wird von den sechs Schauspielern, die alle gemeinsam den Protagonisten Gregor Samsa verkörpern, gesungen; begleitet von der sanften, doch unheilvoll erahnenden, Melodie eines Akkordeons.

Der Einstieg in "Die Verwandlung" könnte dennoch kaum wirkmächtiger sein: Da stehen, sitzen, liegen, knien, hocken und lehnen diese sechs Gregor Samsas, die ja eigentlicher einer sind, in einem scheinbar endlosen Raum und wiederholen nacheinander die eine, allesbestimmende Frage: "Was ist nur mit mir geschehen?"

Ja, was ist mit Gregor Samsa, diesem reisenden Tuchhändler geschehen? Eigentlich ist er ein strebsamer Angestellter. Ein vorbildlicher Arbeitnehmer; nie krank, immer pünktlich, absolut zuverlässig. Muss er auch sein, der Gregor Samsa, verlässt sich seine Familie, die finanziell von ihm anhängig ist, doch vollkommen auf ihn. Nur an diesem Morgen ist alles anders: Gregor Samsa kann nicht aufstehen und sich auch nur schwerlich bemerkbar machen. Das Sprechen fällt ihm schwer. Gregor Samsa hat sich verändert.

Die sechs Schauspieler Artur Molin, Saskia Boden-Dilling, Mechthild Grabner, Jorien Gradenwitz, Zenzi Huber und Stefan Piskorz sind alle Gregor Samsa. Sie sind die verschiedenen Facetten des Protagonisten, der lernen muss, mit seiner Verwandlung umzugehen. Zunächst ist da bei ihm dieser unbändige Wille, doch noch auf die Arbeit zu gehen. Spätestens als der Prokurist des Unternehmens zuhause auftaucht, macht sich jedoch blanke Panik breit. Und dann entscheidet sich Gregor Samsa, verändert wie er ist, sich seiner Umwelt zu zeigen ...

Beeindruckend ist, wie das Team des Landestheaters die Gefühlswelt des Gregor Samsa nahbar macht. Das Bühnenbild besteht eigentlich nur aus einigen milchigen Lamellen, die von der Decke baumeln. Durch geschickte Lichtsetzung, das Interagieren der Schauspieler mit jenen Lamellen und Videoprojektion werden die Besucher jedoch regelrecht in die surreale Situation hineingezogen. Wenn dann noch die vierte Wand durchbrochen wird, indem Mechthild Grabner fordert, das Saallicht einzuschalten oder sie winselnd und fragend durch die Reihen des Publikums läuft, haben die Akteure ihr Ziel erreicht: Der Zuschauer wird Teil des Stücks. Die Erfahrung, etwas zu erleben, was absolut nicht stimmt, wird körperlich spürbar. Das erfordert die Bereitschaft der Gäste, sich vollkommen auf das Stück einzulassen, mitzufühlen und auch mal zu leiden.

Besonders deutlich wird dies in den letzten beiden Drittel der "Verwandlung". Dann kommt alles zusammen: Aus einer Kakophonie von angeschlagenen Klaviertasten, Stimmengewirr, Zenzi Hubers liebevoller Stimme, einer Geige, eisigen Black-Metal-E-Gitarren-Riffs und tiefem Bassgrollen entwickelt sich eine Komposition. Auf der Bühne passiert plötzlich so viel: Dort erahnt man einen der Schauspieler hinter den Lamellen, dort schreit ein anderer. Kunstnebel wird dazwischen die gepustet. Per Live-Videoprojektion blickt einen plötzlich ein übergroßer Kopf entgegen ... Herausforderndes Theater für alle Sinne.

Bei allem bleibt der Kafka-Klassiker dabei hochaktuell. Es geht dem Team um Regisseurin Brit Bartkowiak darum zu zeigen, wie sich Menschen am Rande der Gesellschaft fühlen. Menschen, die meinen, dass sie anderen eine Last sind. Es geht um Alte, Schwache, Kranke, Behinderte. Menschen, die an ihren eigenen Ansprüchen oder denen der Leistungsgesellschaft zu zerbrechen drohen. Thema ist nicht etwa, wie es ist mit einem harten Chitin-Panzer aufzuwachen, sondern mit einem Burn-Out, einer Erschöpfungsdepression oder gefesselt an den Rollstuhl. "Bei Gregor Samsa ist der Körper außer Kraft gesetzt, doch sein Geist funktioniert", hatte Dramaturgin Christin Ihle in ihrer Einführung gesagt. Durch die Verwandlung werde eine "Spirale der Entfremdung in Gang gesetzt."

An deren Ende steht der Tod des Protagonistin. "Ich hätte an manchen Stellen weinen können", sagt eine Zuschauerin nach dem Stück im Publikumsgespräch mit den sechs Schauspielern ergriffen. Ein ander blickt sie fragend an. Seine Sichtweise ist eine andere: Er empfand den Schluss als erlösend für den verwandelten Tuchhändler und seine Familie. Die sechs Gregor Samsas blicken sich vielsagend und zufrieden an: Alles richtig gemacht!

 

o Vorbericht Backland News zu "Die Verwandlung"

o Vorbericht Backland News zu "Ich bin dann mal weg"

 

Eigene "Maria Stuart" für Biedenkopf

KULTUR  Landestheater plant besonderes Angebot für Aufführungen im Hinterland

Biedenkopf/Marburg Für ihre Gastspiele in Biedenkopf bieten die Intendantinnen des Hessischen Landestheaters ein besonderes Schmankerl an: In Publikumsgesprächen können die Zuschauer einen exklusiven Einblick in die Aufführungen erhalten.

Den Schauspielern auf den Zahn fühlen. Beim Regisseur nachbohren, warum jene Szene so inszeniert wurde. Oder vom Kostümdesigner erfahren, warum jenes Kleidungsstück so aussieht, wie es aussieht. Das ist im Rahmen der Publikumsgespräche prinzipiell möglich. „Wir werden versuchen, jeweils zwischen drei und sechs Beteiligte des Teams dabei zu haben“, sagt Carola Unser. Gemeinsam mit Eva Lange bildet sie die neue Doppelspitze des Hessischen Landestheaters Marburg (HLTM).

In Marburg sei dieses Angebot am Premierenwochenende bereits sehr gut angenommen worden. „Bis zu 50 Menschen waren bei den Publikumsgesprächen nach den Stücken noch dabei“, erinnert sich Eva Lange. „Interessante und gute Gespräche“ seien dabei herausgekommen. Den Kontakt mit dem Publikum suchen die Intendantinnen ganz bewusst. „Es ist die Art und Weise, wie wir Theater verstehen“, sagen sie. Der intellektuelle Austausch mit den Zuschauern gehöre einfach dazu.

Und so ist er natürlich auch bei den Gastspielen in Biedenkopf geplant. Gemeinsam mit dem Kultur- und Veranstaltungsring zeigt das HLTM vier Stücke im Bürgerhaus: „Maria Stuart“ (27. Oktober), „Ich bin dann mal weg“ (12. Dezember), „Die Verwandlung“ (26. Januar 2019) und „Cabaret“ (2. März 2019).

Im Anschluss an jede der Aufführungen sind die Gespräche mit Teilen des Theater-Teams fest eingeplant. Dieser besondere Service ist für die Intendantinnen auch mit einer logistischen Herausforderung verbunden, „dennoch wollen wir es machen“, betont Eva Lange. „Einfach, weil uns der Diskurs mit dem Publikum so wichtig ist“.

Zudem haben die beiden Intendantinnen bereits bei ihrer Vorstellung im Frühjahr gesagt, dass sie hochwertiges Theater auch in die Fläche transportieren und nicht nur in Marburg bündeln wollen. „Unser Traum ist, dass Sie am Ende sagen: ,Das Hessische Landestheater Marburg ist auch unser Theater.‘ Und: ,Dieses Ensemble sind auch unsere Schauspieler‘.“ So hat Carolin Unser den Ansatz bei der Mitgliederversammlung des Biedenkopfer Kultur- und Veranstaltungsrings im April zusammengefasst.

Die Biedenkopfer Aufführung von „Maria Stuart“ am 27. Oktober stellt Regisseurin Eva Lange zudem vor weitere Herausforderungen. Während das Stück in Marburg als Doppelaufführung namens „Maria Stuart / Ulrike Maria Stuart“ um einen Text von Elfriede Jelinek erweitert ist, gibt es nur in Biedenkopf die singuläre Schiller-Variante. „Das heißt, wir werden auch in Biedenkopf noch mal die eine oder andere Extraprobe einlegen“, sagt Eva Lange.

Das klassische Drama eignet sich ideal für Schulklassen; für diese gibt es auch Unterrichtsmaterial

Geht die Marburger Variante von „Maria Stuart“ über drei Stunden, wird die Fassung in Biedenkopf rund zwei Stunden und zehn Minuten dauern. Plus Publikumsgespräch und Einführung in das Stück durch die Dramaturgin Christin Ihle.

Dabei sei es gar nicht so einfach, die beiden Stücke – Schiller und Jelinek – wieder auseinanderzudividieren. „Wer die Marburger Aufführung gesehen hat, weiß, dass es einen fließenden Übergang der beiden Texte gibt, sie teilweise parallel stattfinden“, beschreibt die Regisseurin. Zudem stehe noch nicht zu 100 Prozent fest, wie das Ende in Biedenkopf aussieht. „Aber ich liebe es, Schlüsse zu inszenieren“, schwärmt Eva Lange. „Wahrscheinlich steht erst wenige Tage vor der Biedenkopfer Aufführung fest, wie es ausgeht.“

Für Schulklassen, für die sich Schillers „Maria Stuart“ als prototypisches klassisches Drama ideal eignet, bietet das HLTM Vor- und Nachbereitungen an, bei denen Inhalte, zentrale Themen und besondere Formen der Stücke unterrichtstauglich und spielpraktisch vermittelt werden. „Für schulrelevante Produktionen stellen wir Materialmappen zur Verfügung; mit Hintergrundwissen zu Stück, Autor und Inszenierung sowie mit theaterpädagogischen Übungen zur spielerischen Annäherung an das Stück“, ergänzt Lisa Hedler, Pressesprecherin des Landestheaters.

Und auch der Biedenkopfer Kultur- und Veranstaltungsring bietet für Schüler ein besonderes Angebot: Die letzten drei Reihen im Bürgerhaus ab Platz 338 bis 405 sind für Schüler und Studenten reserviert. Gegen Vorlage des Ausweises gibt es hierfür Karten zum Sonderpreis von 5 Euro. Dieses Angebot werde sehr gut angenommen, freut sich Gerhard Hesse, stellvertretender Vorsitzender des Kultur- und Veranstaltungsringes. Und auch die Zahl der Abonnenten steige momentan wieder. Des Weiteren gibt es Gruppenrabatte ab zehn Personen – diese gelten allerdings nicht für bereits ermäßigte Karten.

Alle Theaterveranstaltungen beginnen um 20 Uhr im großen Saal des Bürgerhauses in Biedenkopf. Der Vorverkauf für die einzelnen Veranstaltungen läuft seit Anfang Oktober.

 

o  Vorbericht zu den Veranstaltungen des HLTM in der Theatersaison 2018/2019

o  Mitgliederversammlung KUVR

o  Info-Veranstaltung KUVR mit den designierten Intendantinnen vom HLTM

 

o  Hagen Rether im Spiegel der Presse (OP)

 

Hagen Rether am 22.3.2018 in Biedenkopf - Bericht von Christian Röder im HA

Hier geht es auch um Sie!
KRITIK Kabarettist Hagen Rether hält in Biedenkopf fast 300 Menschen den Spiegel vor

BIEDENKOPF Kabarett mit Hagen Rether ist nichts für Leute, die am nächsten Tag früh raus müssen. Das hat der Satiriker am Donnerstagabend in Biedenkopf erneut unter Beweis gestellt. Die fast 300 Zuschauer brauchten Sitzfleisch: 3,5 Stunden ging das Programm!
Wer Hagen Rether (48) kennt, weiß, dass er das Publikum gerne mal aus seiner Komfortzone holt. Dass er Wunden in der Gesellschaft erkennt, diese dann zunächst vorsichtig seziert, um anschließend genüsslich darin rumzupulen. Der Kabarettist tut dies aber keineswegs aus Boshaftigkeit, sondern aus einem tiefen Glauben an die Menschlichkeit und Humanität.
Muss ja so sein, oder warum sollte der schwarzhumorige Essener sein Programm sonst immer noch „Liebe“ nennen – „das hieß schon so, da war Bill Clinton noch an der Macht.“ Der Zuschauer muss dann aber doch zunächst lange suchen, bis er eben jene Liebe findet. Er muss suchen unter dem Geflecht aus politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten unserer Gesellschaft, die Rether in seinen dreieinhalb Stunden in Biedenkopf aufdröselt.
Zuletzt war er vor drei Jahren in der Stadt. Diesmal beschließt er die aktuelle Spielzeit des Kultur- und Veranstaltungs-ringes. Nach zwei Theateraufführungen nun also hartes, direktes, politisches Kabarett. Welche Werte er vertritt, daran lässt der Satiriker keinen Zweifel. Er bezeichnet sich selbst als „linksliberalen Multikulti-Ökospinner“ – und meint dies freilich im besten Sinne. „Seit ich 18 bin, wähle ich immer die Grünen – weil es mir um den Planeten geht“, führt das Mitglied des globalisierungskritischen Netzwerks attac und der Menschenrechtsorganisation Amnesty International aus.
Da ist es ihm auch egal, dass Katrin Göring-Eckardt vielen „zu pastoral“ daherkomme. Immer noch besser wie die „Angstbeißer für Deutschland – AfD“, der „narzistische Luftpumpen-Lindner“ oder alle von der CDU, denen ihre christlichen Werte schon vor langer Zeit abhanden gekommen seien. „Die CDU ist noch nie eine Umfaller-Partei gewesen, weil sie noch nie für etwas gestanden hat“, sagt der scharfzüngige Bananen-Liebhaber, während er sich genüsslich in seinem Schreibtischstuhl aalt.
Eine gute Stunde arbeitet sich Rether am Fleischkonsum in unserer Gesellschaft ab – eines seiner Lieblingsthemen. „Wir zermatschen Tiere und machen daraus neue Tiere: Mettigel. Das finden wir lustig. Wer hat uns eigentlich ins Hirn geschissen?“,
fragt er rhetorisch. Und: „Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Wir sind die Dornenkrone der Schöpfung – und wir drücken sie uns mit jedem Hamburger tiefer in die Stirne.“
Rethers Mission: nicht weniger als die Welt retten. „Ich kann vielleicht nicht verhindern, dass Assad die Syrer schlachtet, der IS Menschen die Köpfe abhackt, aber ich kann bei meinem Konsum was machen“, meint er. Wenn die Produktion von Fleisch unseren Planeten langsam aber sicher zerstöre, dann sei der tägliche Schnitzelkonsum eben keineswegs mehr nur Privatsache. Rether rechnet vor, dass die Produktion von einem Kilo Rindfleisch rund 15 000 Liter Wasser koste, das für den Anbau und Bewässerung von Futtermitteln sowie für das Trinkwasser der Tiere draufgehe. Deshalb: „Ich mache Kabarett bis Fleischessen verboten ist.“ Und dann kämen da Leute zu ihm. „,Herr Rether, wir können doch nicht die ganze Welt retten‘, sagen die zu mir. Na, wer denn sonst? Ich seh’ sonst keinen.“
Unter anderem habe die Überheblichkeit unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft dafür gesorgt, eine Politik wie die der AfD in den Bundestag einziehen zu lassen. „Da kommt das Anarchische wieder raus. Es beginnt mit: Wird man doch wohl noch sagen dürfen ... Wird man doch wohl noch anzünden dürfen ... Wird man doch wohl noch totschlagen dürfen ...“ Und so spannt Rether den Bogen zum Thema Flüchtlinge. „Da gibt es heutzutage Brandanschläge auf Asylheime. Dass das passiert, ist das eine. Dass es uns nicht mehr interessiert, ist das andere“, ruft er ins Publikum. Beinahe resigniert fügt er hinzu: „Und das in einer Nation, in der unsere Großeltern aus Familien Lampenschirme und Seife gemacht haben.“ Da werde an den Stammtischen der Nation geschimpft auf Politiker, die Presse, Ärzte, Lehrer, Beamte ... aber an die eigene Nase fasse sich niemand. „Denen da oben den Spiegel vorzuhalten ist so wohlfeil. Halten Sie sich selbst den Spiegel vor“, fordert er.
Rethers Kabarett gleitet nie in den Zynismus ab; dafür ist er viel zu sehr Menschenfreund Beispiel gefällig? „Wir können keine Flüchtlingsheime vor Anschlägen schützen, aber wir machen Hundertschaften von Polizisten klar, um betrunkene Hooligans bei
Fußballspielen in Zaum zu halten.“ Oder das Thema sexuelle Gewalt. „Die Silvesternacht von Köln“, erinnert Rether. „Die sexuelle Gewalt vor dem Kölner Dom. Neu daran war doch nur, dass sie vor der Kirche stattgefunden hat ...“ Deshalb: „Wenn Sie das nächste Mal zu Ihrer Prostituierten aus Osteuropa gehen, nehmen Sie doch einfach mal einen Flüchtling mit. Zeigen Sie ihm, wie wir Frauen behandeln.“
Sie merken, dass ist bitter, böse und alles nicht unbedingt zum Lachen. Doch die große Kunst Rethers besteht darin, sein Kabarett nie in den Zynismus abgleiten zu lassen. Dafür ist er sehr zu viel Menschenfreund – und glaubt daran, dass irgendwann aus Fehlern gelernt wird. Nachgedacht werde ja genug. „Wir haben kein Denkproblem“, sagt er. „Wir haben ein Handlungsproblem!“ Es ist eine Einladung, das zu ändern.
 

Kabarettabend mit Hagen Rether (gefunden im Hinterländer Anzeiger am 22.2.2018)

KULTUR Der Vorverkauf startet / Der Kabarettist beendet die Saison

BIEDENKOPF Zum Saisonabschluss kommt der Kabarettist Hagen Rether nach Biedenkopf. Der Kultur- und Veranstaltungsring Biedenkopf beendet mit dem Abend am 20. März seinen Veranstaltungsreigen.
Rether tritt am Donnerstag, 20. März, ab 20 Uhr im Großen Saal des Parkhotels. Es gibt noch ausreichend Karten mit freier Platzwahl zum Preis von 25 Euro im Vorverkauf bei Kerstin Willershäuser in der Reiseagentur Meridian in der Hospitalstraße 14, Tel (06461) 2031.
„Wir können die Welt nicht retten? Ja, wer denn sonst?“, heißt es zu dem aktuellen Programm. Es ist kein klassisches Kabarett, was Hagen Rether seinem Publikum serviert, sondern eher ein assoziatives Spiel, ein Mitdenkangebot. Er verweigert die Verengung komplexer Zusammenhänge und gesellschaftlicher wie politischer Absurditäten auf bloße Pointen. Auch das Schlachten von Sündenböcken und das satirische Verfeuern der üblichen medialen Strohmänner sind seine Sache nicht, denn die Verantwortung tragen schließlich nicht allein „die da oben“.
Rethers „LIEBE“ ist tragisch, komisch, schmerzhaft, ansteckend: Das ständig mutierende Programm mit dem immer gleichen Titel verursacht nachhaltige Unzufriedenheit mit einfachen Erklärungen und stiftet zum Selberdenken und -handeln an. Bis zu dreieinhalb Stunden plädiert der Kabarettist leidenschaftlich für Aufklärung und
Mitgefühl, gegen Doppelmoral und konsumselige Wurstigkeit. (red/Foto: Richter)

 

Der eingebildete Kranke, Pressebericht von Christian Röder im Hinterländer Anzeiger am 2.2.2018

Ein grelles Kuriositätenkabinett
KRITIK Humor des „eingebildeten Kranke“ ist Gewöhnungssache – aber grandios gespielt

BIEDENKOPF Grell, greller, „Der eingebildete Kranke“: Was das Hessische Landestheater für den Kultur- und Veranstaltungsring Biedenkopf am Mittwoch auf die Bühne brachte, glich einer Mischung aus barockem Kuriositätenkabinett und deftiger Seifenoper. Fazit: speziell!
Es dauert gerade einmal drei Minuten bis zum ersten Furzwitz: Der Hypochonder Argan (Stefan Piskorz) kommt im E-Rolli auf die Bühne gerollt. Pillen schluckend und leidig guckend. Klassische Musik spielt. Im Takt dazu: das nervtötende Piepen des Elektromobils beim Rückwärtsfahren. Dann beginnt die Furzerei. Der eingebildete Kranke „wäscht seinen Unterleib aus“. Auf diese Spülung wird das Stück von
Regisseur Marc Becker nach dem großen französischen Dramatiker Molière (1622-1673) immer wieder zurückkommen. Das gefällt nicht jedem der Gäste in der Biedenkopfer Stadthalle. Ebensoviele finden es aber grandios, kriegen sich kaum mehr ein vor Lachen. Kein Wunder, ist das Ensemble doch glänzend aufgelegt und bringt den Irrsinn, der zwischen klassischer Komödie und moderner Seifenoper pendelt, jederzeit kurios auf die Bühne.
Doch worum geht es? Argan, der sich einbildet an Tausenden Krankheiten und Gebrechen zu leiden, will seine Tochter Angélique (Lene Dax) mit dem Sohn von Dr. Diafoirus (Jürgen Helmut Keuchel, der in Biedenkopf bereits den Weltverbesserer gegeben hat und nun völliges Kontrastprogramm dazu liefert) verheiraten. Angélique liebt jedoch Cléante (Daniel Sempf). Und dann ist da noch die Frau des Hypochonders (Franziska Knetsch), die ihren Mann mit ihrem „Schmusepopo“ um den Finger wickelt und eigentlich nur an sein Erbe will. Doch sie hat die Rechnung ohne Toinette (auch bekannt aus „Der Weltverbesserer“: Insa Jebens), die Haushälterin,
gemacht ... Seinen Reiz zieht das fast 400 Jahre alte Stück aus seiner rasanten Geschwindigkeit und der Tatsache, dass ausnahmslos alle Charaktere einen an der Klatsche haben. Und daraus, dass es in mal größeren, mal kleineren Dosen punktgenau modernisiert wurde. So kritisiert der Charakter des Argan beispielsweise modernen Gesundheitswahn, wenn er davon spricht: „Es gibt keine gesunden Menschen, es gibt höchstens Menschen, die nicht genug untersucht wurden.“ Kurze Zeit später sucht er weitere Krankheiten an sich: Vielleicht hat er ja noch eine Lactose- oder Fructose-Intoleranz. „Versuchs mal mit Quinoa oder Omega-drei-Fettsäuren“, empfiehlt ihm seine Haushälterin.
Die Ärzteschaft ist in „Der eingebildete Kranke“ durchgehend ein Haufen geldgieriger Quacksalber. Als Argan sich im dritten Akt, jäh geläutert, von der „Medizin“ von Dr. Purgon (Karlheinz Schmitt) lossagt, steigt dieser von Donner begleitet aus dem Dunkel der Bühne. „Das ist ein Anschlag auf die Medizin“, schreit er. „Fakultätsbeleidigung!“ Brüllend komisch ist die Romanze zwischen Angélique und Cléante. In der engen Korsage mit quietschenden Brüsten tritt Angélique das erste Mal auf. Ihre ersten Sätze: „Ich bin so süß! Ich bin so süß!“ Selbst im Angesicht ihres Lovers Thomas Diafoirus (Karlheinz Schmitt) versucht die Tochter des Hypochonders alles, um Cléante mit lasziven Blicken um den Verstand zu bringen.
Thomas Diafoirus merkt von alldem natürlich nichts: Zu sehr ist er mit seiner eigenen Person beschäftigt – und damit die Lacher des Publikums einzuheimsen. Sein Herzblatt lädt er beim ersten Date etwa zum Sezieren einer Frau ein. Romantisch ... Nein, fein und gefühlvoll ist dieser Humor in keinster Weise. Eher: brachial, deftig und teilweise ziemlich obszön. Immer wieder durchbricht Regisseur Becker auch die vierte Wand, wenn die Figuren mit dem Publikum interagieren. „Ich habe umgebaut für den dritten Akt“, ruft Toinette Argan beispielsweise mitten im Gespräch zu. Oder sie sagt: „Hey, das Licht wird dunkel. Das ist unsere Szene.“ Überhaupt ist es die quirlige Haushaltsgehilfin mit dem dicken Hintern, die in all diesem Potpourri aus Skurrilitäten noch die größte Konstante für den Zuschauer ist.
Viel zu selten finden in der Theaterkritik die Macher der Kostüme und die Maske Erwähnung. Bei „Der eingebildete Kranke“ kann man gar nicht anders, als auf die herausragende Leistung von Sandra Münchow und dem Team von Grit Anders hinzuweisen. Die pompösen Kostüme und die zur Clownsfratze überschminkten Gesichter des Ensembles karikieren den Stil des Barock und treiben des Irrsinn des
Dargebotenen auf die Spitze. Ohne sie wäre das Kuriositätenkabinett nur halb so lustig 

 

Der Hinterländer Anzeiger berichtet am 11.10.2017:

Kultur- und Veranstaltungsring Biedenkopf
Veranstaltungsring startet in die neue Theater-Saison

PROGRAMM Abonnement- und Einzelkarten ab Montag erhältlich

BIEDENKOPF Der Kultur- und Veranstaltungsring Biedenkopf eröffnet die Theatersaison 2017/18. Ab Montag sind das Programmheft und die Karten erhältlich.
Den Anfang in der neuen Saison macht Thomas Bernhards „Der Weltverbesserer“ am Sonntag, 12. November, um 20 Uhr im Bürgerhaus. Mit Molières „Der eingebildete Kranke“ geht es am Mittwoch, 31. Januar, um 20 Uhr weiter. Die Kabarettfreunde kommen bei einem Abend mit dem Kabarettisten Hagen Rether am Donnerstag, 22. März, ab 20 Uhr auf ihre Kosten.
Programme werden nicht mehr verschickt
Allen Mitgliedern und Abonnenten teilt der Veranstaltungsring mit, dass die Programmhefte künftig nicht mehr zugestellt werden. Interessierte können die Programmhefte des Kultur- und Veranstaltungsrings aber ab Montag, 16. Oktober, bei Kerstin Willershäuser in der Holiday-Land Reiseagentur Meridian (Hospitalstraße 14), (0 64 61) 20 31 abholen. Ebenfalls ab dem 16. Oktober sind in dort auch die
Abonnementkarten und die Einzelkarten erhältlich. Die Abonnementkarten sollten bis Ende Oktober abgeholt werden; danach verfallen sie und werden als Einzelkartenverkauft.
Einzelkarten können auch am Abend der jeweiligen Vorstellung noch an der Theaterkasse
im Bürgerhaus gekauft werden. (red)